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Salvador Dali - Gesamtwerk - Surrealismus als Ausweg

Salvador Dali wurde am 11. Mai 1904 (meine liebe Frau Adelheid hat übrigens auch am 11.Mai Geburtstag!) in der kleinen Stadt Figueras bei Gerona in Katalonien geboren. Schon als kleiner Junge wollte Salvador Dali Maler werden. Er war ein schüchternes Kind mit scharfem Blick, ungesellig und menschenscheu bis zur Wildheit, wissbegierig, und er hatte ein erstaunliches Wahrnehmungsvermögen für Entfernungen, Linien und Raumverhältnisse und war erfüllt von einem pathetischen Sinn für die Assoziation von Ideen und deren Kettenreaktionen.

Das alles hätte ihm zu einem großen Maler werden lassen können, wenn, ja wenn nicht im Juli 1924 Juan di Santiago in seine Nachbarschaft gezogen wäre. In jenen Tagen begann eine beispiellose und systematische Demontage des gesunden Menschenverstandes von Salvador Dali, die ich erst letztes Jahr, als ich mit meiner lieben Heidi in einem kleinen katalonischen Lokal ein Tablett Tapas verdrückte, aufdecken konnte. Ich belauschte nämlich am Nebentisch das Gespräch eines gewissen Emilio, der sich bald als Enkel des Mannes herausstellte, der Dali an den Rand des Wahnsinns trieb.

Lassen Sie mich nun das letzte Geheimnis von Salvador Dali enthüllen.

Juan di Santiago, der neue Nachbar, war in Dalis Alter und wollte wie er ebenfalls ein berühmter Maler werden. Leider mangelte es ihm an Talent, und als er sah, dass Dali mehr als genug davon besaß, wuchs der Neid in ihm ins Unendliche. Wenn Dali ihm seine neuesten Entwürfe, Skizzen und Bilder zeigte, wunderschöne Landschaften und Bibelszenen im Stil der alten Meister, lobte di Santiago diese scheinheilig, brütete aber insgeheim schon über dem Plan, der Dali bald seiner realistischen Darstellungskraft berauben sollte.

 

 

 





"Brüten", ja, hier setzen wir an, denn di Santiago hatte noch ein zweites Steckenpferd, die Hühnerzucht, in welcher er wesentlich erfolgreicher war als in der Malerei. Und er züchtete nicht nur Hühner, sondern trainierte und dressierte sie vorzüglich. Irgendwann im Sommer wurde ein Huhn geboren, welches bald die Hauptperson in di Santiagos perfidem Spiel werden sollte,

Carmen di Compostela,

frei übersetzt, Carmen vom Komposthaufen. Es gelang mir tatsächlich, ein Foto von ihr aufzutreiben:

.

Nun, ein ganz normales und hübsches Huhn, werden Sie sagen. Das stimmt jedoch so nicht. Sie müssen wissen, dass Carmen di Compostela ein überaus gelehriges Huhn war, von brillanter Intelligenz und bedingungsloser Gehorsamkeit. Dies bemerkte di Santiago schnell und erinnerte sich, dass Dali ihm einmal erzählt hatte, von einer leichten Hühnerphobie befallen zu sein, nichts Besorgniserregendes, er mochte Hühner nur nicht sonderlich.

Di Santiago richtete nun Carmen di Compostela systematisch ab. Er hämmerte ihr ein, Dali als ihre Mutter anzusehen und ihm überall hinterherzulaufen. So ergab es sich bald, dass Carmen di Compostela mit Dali am Tisch sitzen wollte, mit ihm nachts im gleichen Bett schlafen wollte, sie begleitete ihn auf die Toilette und saß auf dem Sofa, wenn er malte. Dali begann, nervös zu werden. Er versuchte, Carmen di Compostela zu vertreiben, er schloss alle Türen ab, doch in der katalonischen Sommerhitze hatte er gegen seine Frau keine Chance, die bald alle Fenster und Türen wieder öffnete.

Hier einige Schnappschüsse aus Dalis Leben:

Dalis Hochzeitstag, leider drückte der Fotograf genau in dem Moment auf den Auslöser, als sich Carmen di Compostela wieder einmal näherte.

Hier hatte sich Dali als Raupe ausgeben wollen, um Carmen di Compostela von dem Glauben, er sei ihre Mutter, abzubringen. Erfolglos.

Eines der seltensten Fotos. Dali mit Carmen di Compostela auf der Schulter. Der erschrockene Blick spricht für sich.

Dieses Foto entstand an einem brütendheißen Sommertag, als Dali Carmen di Compostela reglos im Garten fand. In der Hoffnung, sie sei einem Hitzschlag erlegen, untersuchte er sie mit einer Lupe. Der Anblick des Riesenauges der Mutter holte sie jedoch unversehens aus der Bewusstlosigkeit zurück.

Bald begann Dali, seine seltsamen surrealistischen Bilder zu malen. In seinem Geist lebte nur ein Gedanke fort: Das Huhn, es macht mich wahnsinnig. Derart abgelenkt war es ihm nicht mehr möglich, anständige Bilder zu malen. Sein Unterbewusstsein malte für ihn, wie wir gleich sehen werden.

Sie alle kennen Dalis berühmtestes Gemälde "Die Beständigkeit der Erinnerung":

Was soll man hierzu sagen? Die Darstellung spricht Bände, nicht? Das zerschmetterte Wesen stellt unzweifelhaft Carmen di Compostela dar, die schmelzenden, zerlaufenden Uhren sind Carmen di Compostelas zerschlagene Eier.

Auch Dalis berühmtestes Stillleben muss nicht ausführlich diskutiert werden, ist der Wunsch des Meisters doch offensichtlich:

Ein Tisch, der gerade gedeckt wird. Ein Apfel, eine Birne, ein Kohlkopf etc. Alles Beilagen. Was fehlt? Genau, das Brathühnchen. Doch das Messer in der Mitte des Bildes kündigt ein nahendes Blutbad an.

Als letzten Beweis möchte ich Dalis "Die Versuchung des Hl. Antonius" anführen:

In diesem Werk wird Dalis Verzweiflung sichtbar. Er setzte sich selbst an den linken Rand, ein Kruzifix den sich nähernden Gestalten entgegenhaltend, damit sie zurückweichen, ihn verschonen mögen. Doch wer sind diese Gestalten? Dazu müssen wir uns nur die schlanken Beine der Invasoren ansehen. Welches Wesen aus dem Tierreich hat ähnlich schlanke Beine, na, wer weiss es? Jawohl, ein Huhn! Dali sah sich zu jenem Zeitpunkt der Belastung schon nicht mehr gewachsen, was auch nicht verwunderlich ist, da Carmen di Compostela bald schon ihre Jungen permanent mit sich führte.

Nun, meine lieben Freunde und Liebhaber der Kunst, alle Beteiligten sind inzwischen verstorben. Dali malte weiterhin seine surrealistischen Bilder, um den unglaublichen Druck zu kompensieren, denn Carmen di Compostela erreichte das stattliche Alter von 40 Jahren. Juan di Santiago lebte unbehelligt noch viele glückliche Jahre mit seiner Frau Maria in dem kleinen Häuschen nebenan und lebte nicht schlecht von den Gagen für zahllose Interviews, die er neugierigen Reportern über seinen berühmten Nachbarn gab.

Herzlichst

Ihr Prof. Dr. Hans Hirtemann