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Plädoyer für eine neue Sprache

 

Liebe Freunde,

ich möchte Ihnen an dieser Stelle exklusiv eine meiner neuesten und bahnbrechenden Entdeckungen offenlegen, die in Kürze sehr großes Aufsehen erregen wird. Sie betrifft alle und jeden und wird unser Zusammenleben in seinen Grundfesten erschüttern, geht es doch um den elementaren Zusammenhalt des Volkes der Dichter und Denker: seine Sprache. Als vor einigen Jahren die Diskussion um die Reform der Rechtschreibung begann, war ich einer der Ersten, die sich, aus einem gesunden Sprachempfinden heraus, sofort dagegen wandten (vielleicht haben ja Einige von Ihnen meinen Auftritt bei "Talk im Turm" mitverfolgt, bei der ich den damaligen Kultusminister in einige Schwierigkeiten bringen konnte, was ihn allerdings, wie bei diesen Leuten üblich, wenig beeindruckte). Leider stand ich sehr lange allein auf weiter Flur, erst als alles schon beschlossen war, begannen auch die verschiedensten Schriftsteller auf diesen Zug aufzuspringen. Viele haben danach auch genauso plötzlich wieder aufgegeben, wohl aus Angst um ihre finanzielle Situation. Aber monetäre Gründe müssen zurückstehen, wenn es um Wahrhaftigkeit geht, dies war schon immer mein Leitmotiv. Auf der ständigen Suche nach Argumenten gegen diese Reform wurde ich vor wenigen Wochen im Universitätsarchiv der Uni Halle-Wittenberg fündig (mein Dank geht hier an Frau XXXXXX von der Reinigungsfirma Tip-Top, die mir half, das Besuchs- und Arbeitsverbot zu umgehen!).

 

 

 





Wegen meiner jahrelangen Erfahrung auf diesem Gebiet wusste ich, daß die wirklich wichtigen Dokumente oft an ganz unscheinbaren Orten versteckt sind und ich musste nur drei elektronische Sperren und zwei Panzerschränke überwinden, bis ich am Ziel war. Ich fand ein Pergament, welches auf ein paar Quadratzentimetern eine Sprengladung birgt, welche in einer ungeheuren Explosion sämtliche Germanisten und Deutschlehrer samt Ihrer ewigen und ungerechtfertigten Besserwisserei verschlingen wird. Dieses kleine Dokument belegt, dass die gesamte Geschichte der deutschen Sprache umgeschrieben werden muss!! Es stammt von keinem Geringeren als Martin Luther, dem Vater der modernen deutschen Sprache und es belegt, dass schon seine erste Bibelübersetzung völlig zensiert und verfälscht war und in keinem Falle seiner Absicht und seinem Sprachverständnis entsprochen haben kann !! Sie werden fragen, was denn auf diesem kleinen Fetzen Pergament überhaupt steht und das zu Recht:

nichts weniger als 5 eindeutige Sprachregeln und einige Beispiele für deren Anwendung. Leider ist es nicht vollständig erhalten, es gelang mir aber, aus den expliziten Regeln und den Beispielen 11 Anweisungen zu rekonstruieren, die mit der heutigen Schriftsprache wenig zu tun haben, dieser aber in Bezug auf vollendeter Schönheit und auch Klang bei weitem übertreffen, was ich Ihnen nachstehend an einige ausgewählten Beispielen verdeutlichen werde. Zunächst jedoch will ich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit auf die Regeln an sich lenken, ich bin mir ganz sicher, daß sie, wenn sie meine schriftlichen Arbeiten bisher verfolgt und mit Genuss gelesen haben sollten, meine Begeisterung über diese so verblüffend einfache und schlicht nur bewunderungswürdige Veränderung unserer geliebten deutschen Sprache teilen werden. Die ersten drei Regeln wenden sich eindeutige gegen eine falsche Verweichlichung des Deutschen, ja am wort "deutsch" wird schon exemplarisch deutlich, wie schlimm diese Sprache ohne diese Neuordnung bleiben wird, denn vergleichen sie dieses Wort mit dem guten, alten "teutsch" !! Ein himmelweiter Unterschied, so viel kraftvoller und dynamischer !!!! Und dabei ist "teutsch" noch nicht einmal das Ende, es wird noch viel besser und mächtiger klingen, aber das werden sie gleich noch erfahren. Ich zitiere, soweit es möglich ist, den Originaltext (der natürlich selbst schon nach dieser Rechtschreibung verfasst wurde, den ich aber zum besseren Verständnis hier noch in sogenanntem "heutigen" Deutsch vorlege):

Regel 1: "Nie wieder soll ein "d" unsere Sprache verschandeln, ich propagiere das "t" und somit das "th"!"

Regel 2: "Und das "b" verschwinde sofort mit aus der Reihe der unwürdigen Buchstaben, allein dem "p" darf man die Ehre verschaffen!"

Regel 3: "Auch das "g" muss verschwinden und dem "k" weichen" Ganz wichtig aus meiner Sicht sind die vierte und auch die fünfte Regel, denn gerade sie werden von der unseligen, modernen "Rechtschreibeform" aufs verdammenswürdigste verletzt, entfernt diese Sprache doch den für uns so wichtigen und einzigartigen Buchstaben "ß" !! Und genau ds Gegenteil fordert Luther, der diesen, wahrhaft deutschen Buchstaben eine noch viel grössere Role beimisst:

Regel 4: " Sowie es ab sofort keinn "s" mehr geben darf, wir ersetzen es nun durch das heilige "ß".

Regel 5: "Das durch seine zackige Form das Auge verletzende "z" macht der holden Verbindung "thß" Platz...." Die beiden folgenden Regeln behandeln einen Buchstaben, dessen exzessive Aneinanderreihung heute ein Audruck von Ekel und Abscheu ist, und genau diese Emotionen überwältigen mich bei seinem Anblick, weiß ich doch jetzt, wie er eigentlich sein sollte (und die siebte Regel ist der beste Beweis für die Authentizität dieser Quelle, zeigt sie doch den altbekannten Luher, dem nichts Weltliches fremd war):

Regel 6: "... wie auch das "j" dem "i" Platz machen muss!"

Regel 7: " das schmalbrüstige "i" weicht dem beim Betrachter eher erotische Empfindungen hervorrufenden "y"..." Die nächsten 3 Regeln ergänzen die fehlende Mosaiksteine in diesem grandiosen Bild deutscher Sprache, die neunte Regel scheint mir auch sehr bedeutsam zu sein, da sie der deutschen Sprache die Vergewaltigungen durch Konstruktionen wie "ö" oder "ä" nimmt:

Regel 8: "... das welsche "au" wird ersetzt durch das bewährthe "ow"..."

Regel 9: "Und zudem sind die Umlaute ab sofort des Todes!..schreibe immer "ae", "oe" und "ue, sonst wird dich der Zorn des......" (Anmerkung: fehlende Stellen sind auf dem Manuskript leider unleserlich und konnten nich in jedem Fall passend rekonstruiert werden)

Regel 10: "Nie wieder sollte ein "ei" unserem Mund entfleuchen, ich verbiete es hiermit und setze nun ein "ay" voraus."

Regel 11: "..so ordne ich an, daß das "f" für immer verbannt und durch "ph" erstetz werde...."

Regel 12: "Und lange Vokale müssen nun von einem "h" begleitet werden!" Die vorerst letzte Regel stellt einen kleinen Höhepunkt dar und beweisst, wie stark die Verbindungen zwischen Europa und China schon im frühen 16. Jahrhundert waren:

Regel 13: "..das undeutsche r wird verabschiedet und an seine Stelle treten "ll" und es sollte eins von beiden vergessen werden.....die Feuer....Hölle......" Sie sind verblüfft, verängstigt und doch fasziniert ?? Genauso ging es mir auch, ganz langsam aber elektrisierte mich dieses Stück Pergament mit seiner Botschaft und in mir keimte die Frage auf, ob diese Sprache denn überhaupt anwendbar wäre ??!! Schnell durchstöberte ich meine großen Gesamtausgaben der Klassiker und wagte mich an Übersetzungen, an denen ich sie auch teilhaben lassen möchte, denn sie werden den letzten Schatten ihres etwaigen Zweifels zerstreuen:

Sie alle kennen Goethes wunderschönes Gedicht über die wildwuchernde Blume, die der böse Frevler in jugendlichem Trieb schändet. Ich wählte dieses Kleinod, welches selbst in der verschandelten "modernen" Sprache verzaubert, denn es zeigt, wie unendlich zarter, poesievoller und klangschöner doch die alte und hoffentlich bald wiede neue, wahre luthersche deutsche Sprache ist.

Thhaß Haythhenlloeßlayn

ßah ayn Knahp ayn Lloeßlayn ßthehn,
Lloeßlayn owph thhell Haythhen,
Wahll ßoh yunk unthh mollkenßchoen,
Lyehpi ell ßchnell, eß nahh thhßu ßehn,
ßah'ß mythh phyelen Phlleuthhen.
Lloeßlayn, Lloeßlayn, Lloeßlayn lloithh,
Lloeßlayn owph thhell Haythhen.
Knahpe ßpllahch: Ych pllehche thhych,
Lloeßlayn owph thhell Haythhen!
Lloeßlayn ßpllahch: Ych ßthheche thhych,
Thhaß thhu ehwyk thenkßth an mych,
Unth ych wyll'ß nychth laythen.
Llößlayn, Llößlayn, Llößlayn lloth,
Llößlayn auph thell Haythen.
Unth thell wylthe Knape pllach 'ß
Llößlayn auph thell Haythen;
Llößlayn wehllthe ßych unth ßthach,
Halph yhll thoch kayn Weh unth Ahch,
Mußth' eß epen laythen.
Llößlayn, Llößlayn, Llößlayn lloth,

Llößlayn auph thell Haythen.

Herzlichst

Ihr Prof. Dr. Hans Hirtemann