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Die Palmblattbibliotheken - Aufbewahrungsort eines nun enträtselten Mythos

 

Mit dieser kleinen, aber feinen Abhandlung will ich Ihnen heute das Ergebnis einer meiner neuesten Forschungen vorstellen.

Es war vor zwei Wochen: ich saß gemütlich mit meiner lieben Frau Heidi vor dem knisternden Kamin und sah mir alte Fotoalben an. Eines meiner Hobbys ist die Genealogie und sollte ich in näherer Zukunft Zeit finden, werde ich Ihnen bald meinen kompletten Stammbaum mit vielen interessanten Lebensläufen vorstellen. Mein Blick blieb bald an ein paar Fotos meiner Großtante Else hängen,

 

 

 





und mit einem kleinen Seitenblick auf meine schöne Heidi und einem Lächeln nach innen dachte ich mir, dass mir die organischen Dinge doch viel mehr im Blut liegen als die unbeseelten, und ich erinnerte mich urplötzlich an ein Schreiben meines Fernost-Korrespondenten Apu, der mich vor nicht allzu langer Zeit gebeten hatte, dem Phänomen der Palmblattbibliotheken auf den Grund zu gehen.

Wie Sie alle wissen, gibt es zwölf dieser Palmblattbibliotheken im Süden Indiens und auf Sri Lanka, in welchen angeblich unzählige beschriebene Palmblätter aufbewahrt werden, auf denen der Ursprung und das Schicksal der Welt selbst und auch jedes einzelnen Menschen dargestellt werden soll. Dabei soll es sich um Abschriften der Palmblätter eines gewissen Herrn Bhirgu handeln.

Da sich inzwischen ein regelrechter "Palmblatt-Tourismus" zu entwickeln begann, entschloss ich mich, mich sofort an die Untersuchung dieser Schriften zu machen, natürlich an den Geldbeutel zahlreicher Wissensdurstiger denkend, der niemals zuungunsten der Wahrheit belastet werden darf!

Ich nahm meine eigene Maschine

und landete wenige Stunden später wohlbehalten auf asiatischem Boden, direkt vor einer der besagten Bibliotheken:

Nachdem ich mir noch schnell im Cockpit was übergezogen hatte, machte ich mich sofort an die Arbeit und untersuchte vorsichtig und mit den Argusaugen des Forschers die dort aufbewahrten Palmblätter:

Wie Sie wissen, bin ich vieler Sprachen dieser Erde mächtig, doch jene kannte ich nicht und so fragte ich den Museumswärter, was denn beispielsweise auf dem rechts abgebildeten Palmblatt zu lesen sei. Doch anstatt direkt vom Palmblatt abzulesen, holte dieser einen dicken Katalog hervor, schlug ihn an einer beliebigen Stelle auf und las vor:

"Großer Tropfen im Lichte der Schöpfung, glitzernd und funkelnd wie kein jemals dagewesener, möge der Winter für dich über das Land einfallen, damit du bewahrt werdest für alle Zeit."

Nun, jener Spruch passte zwar auf mich, doch ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier etwas faul war. Ich ließ mir von dem Wärter noch ein paar Details über den angeblichen Verfasser Bhirgu erzählen.

Stattlich sei er gewesen und wohlgenährt, gefräßig, doch seine irdische Gestalt war nicht für immer unansehnlich, denn nachdem er sein Werk vollendet hatte, hätte er sich der körperlichen Entfaltung zugewandt und nach erfolgreichem Procedere alle Menschen in seiner Umgebung mit seiner Schönheit verzaubert.

Ent-FALT-ung!

Wie immer wenn mich ein Geistesblitz oder eine Erleuchtung heimsucht, war ich nach ca. zwei Sekunden wieder gefasst.

Ich erinnerte mich an meine Studien an der Biologischen Fakultät in Kanton und hatte sofort die Lösung!

In Asien, vornehmlich in Indien und auch da nur vereinzelt, gibt es eine Schmetterlingsspezies, die in der Landessprache "Bhirgu-i-san" genannt wird. Tritt diese Art jedoch in einem Landstrich auf, dann jedoch in einer riesigen Anzahl. Wie wir alle wissen, kommt ein Schmetterling ja nicht als Schmetterling auf die Welt, nicht? Er muss erst ein Raupenstadium durchwandern. Und dieses zeichnet sich durch maßlose Gefräßigkeit aus. Eine der bevorzugt verzehrten Speisen sind Palmblätter. Ich habe einen Tag später einen Versuch mit verschiedenen Raupen der Spezies Bhirgu-i-san durchgeführt und möchte Ihnen nun hier zeigen, wie jene ihren Tag totschlagen:

Raupe 1 frisst.

Raupe 2 und Raupe 3 fressen ebenfalls.

Raupe 4 hat Palmblätter gerochen und spurtet los.

Innerhalb weniger Minuten hatte ich ein Palmblatt vorliegen, das denen aus der Bibliothek bis ins letzte Detail glich. Als letzten Beweis machte ich einen Kontrollversuch.

Ich schmuggelte mein Palmblatt in die Palmblattbibliothek ein und fragte den Wärter, ob er es mir übersetzen könnte. Dieser schlug seinen Katalog auf und las vor:

"Du bist wie der Stempel der Seerose, inmitten der vergänglichen Schönheit gelegen, doch der Zauberstab des Lebens, wenn man dich nur auspackt."

Den kleinen Anflug des Sichgeschmeicheltfühlens schüttelte ich aber mit meinem kühlen Verstand und der Gewissheit ab, dass ich der Menschheit wieder einmal einen Dienst erwiesen hatte.

Herzlichst

Ihr Prof. Dr. Hans Hirtemann